Der Hintergrund

Bild Mensch bei der Shiatsu-Praxis

Während meiner einjährigen Weltreise 1982 bis 1983 stolperte ich in Indien buchstäblich über meinen ersten zehntägigen Schweige-Meditations-Kurs. Diese Erfahrung sollte mich nie wieder ganz im Leben los lassen. Einem inneren Bedürfnis folgend besuchte ich dann später in der Schweiz mehrere Vipasana-Schweige-Meditations-Retreats (to retreat = sich zurückziehen), in denen ebenfalls das Zentrum meditativer Versenkung mit den Worten umschrieben werden kann: "von Moment zu Moment gegenwärtig sein, ohne zu werten, ohne zu urteilen…".

Nach meiner Heilpraktiker-Ausbildung, vor dem ersten Shiatsu-Unterricht, den ich lehren durfte, reiste ich für drei Monate nach Amerika zur Schweige-Meditation ins große Retreatzentrum der "Insight Meditation Society Masachusets". Von früh morgens bis spät abends wechselten sich Sitz- mit Geh- und Arbeitsmeditationen ab, Achtsamkeit beim Essen, Trinken, bei den Teachings…

Dabei darf meines Erachtens die Ausnahmesituation eines Retreats niemals vergessen werden. Denn Spiritualität und die Übung der Meditation wurzelt und bewährt sich im Alltag. Hinter Klostermauern intensiviert sich diese "Lebensweise" bestenfalls.

Thich Nhat Hanh, der vietnamesische Zen-Meister, und nicht zuletzt meine jetzige spirituelle Heimat im Haus Tao CH-Wolfhalden beeinflussten mich maßgeblich. Meditation bedeutet freiwilliger Verzicht, ein Weglassen der fortwährenden Reizüberflutung, kein Bevorzugen von "Sonnenschein dem Regen", eine Beschränkung aufs Wesentliche, nichts Besonderes!

"Natürlich beginnt Zen mit Meditation, aber es ist überhaupt nicht klar, warum wir "sitzen" und meditieren. Denn im Zen lassen sich Antworten nicht durch den Verstand finden. Es besteht die Möglichkeit, dass wir über den Weg der Meditation dahin gelangen zu begreifen. Ebenso ist es bei Shiatsu. Es beginnt mit dem Druck der Finger, aber es ist schwer zu erklären, weshalb das Drücken bestimmter Punkte Leiden behebt. Sowohl bei Zen wie auch bei Shiatsu haben wir es mit etwas zu tun, das wir mit unserem ganzen Wesen erfassen müssen." Shizuto Masunaga (Masunagas Zen-Shiatsu fand in den 80er Jahren eine sehr weite Verbreitung, so dass meist das Zen-Shiatsu gemeint ist, wenn heute im Westen von Shiatsu gesprochen wird. In seiner Betrachtung von Shiatsu führte er die bekannten Shiatsu-Techniken mit den Lehren der traditionellen fernöstlichen Medizin, insbesondere der Meridian-Lehre, und psychologische Betrachtungen zusammen. Die Vorsilbe "Zen" betont den meditativen Charakter seines Shiatsus.)

Zen-Meister Suzuki Roshi nennt das meditative und kontemplative Üben "Anfänger-Geist". Als nähme man die "Körpergeistseele" zum ersten Male wahr, sich selbst, den Partner, die Behandlungssituation, die Begegnung zweier Menschen im Shiatsu. Ohne vorgefertigte Konzepte, Meinungen und Strategien, offen für die Möglichkeiten des Moments im Hier und Jetzt. Diese offene Wahrnehmung ist klar von Verwirrung und Unklarheit abzugrenzen. Denn in diesem Geisteszustand des scheinbaren "nicht Wissens" sind wir ganz bei uns selbst, präsent im konzentrierten Beobachten und fasziniert vom Zuhören und Handeln in der Berührung. Nichts wird für selbstverständlich gehalten, dauerndes Loslassen geschieht und inneres Freiwerden.

Man muss den Zen (die Meditation) "geschmeckt" haben, denn sobald man darüber spricht, befindet man sich auf der Ebene der Speisekarte des niedergeschriebenen Menüs, und Papier macht nun mal nicht satt. Das Ziel der Übung ist mit einem Wort benannt: Freiheit! Doch frei von Was? Frei von manipulativem Wollen und Absicht, von unbewusster Abweisung und Verurteilung, frei von Verwirrung und Zweifel. Also Entwicklung und Übung von Gelassenheit, Gewahrsein und Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Respekt, Energie und Konzentration: Bewusst-Sein ist’s! Spätestens hier wird klar: "Nur der Weg kann das Ziel sein…".

Ch´i Po sagte: "Das Höchste in der Heilkunst kann erreicht werden, wenn es Einheit gibt". Der gelbe Kaiser fragte: "Was ist unter Einheit zu verstehen?" Ch´i Po antwortete: "Wenn der Geist der Menschen verschlossen ist und der Weisheit nicht zugänglich, bleiben sie an Krankheit gebunden. Ihre Gefühle und Sehnsüchte sollten erforscht und kundgetan werden, ihren Wünschen und Ideen sollte gefolgt werden. Dann wird sich zeigen, dass jene blühen und gedeihen, die Geist und Energie ausgebildet und bewahrt haben, während jene zugrunde gehen, die ihren Geist und ihre Energie verlieren". Aus einem Dialog zwischen Ch´i Po, einem Meister der Akupunktur, und demGelben Kaiser. Entnommen dem chinesischen Klassiker Huang Ti Nei Ching Su Wen.

Bild Shiatsu-Kunst

Dennoch, Shiatsu ist und bleibt im besten Sinne des Wortes "Körperarbeit", die aber deutlich über sich selbst hinauswächst. Daher war es mir schon immer wichtig, Achtsamkeits-Meditation und Spiritualität in meinen Shiatsu Unterricht einfließen zu lassen. Gelungenes Shiatsu berührt den Empfänger durch Aufmerksamkeit, die sich aufs Hier und Jetzt fokussiert, durch Mitgefühl und Respekt in der gegebenen Situation mit dem Partner, durch eine "offene Weite" der eigenen Einstellung (des Geistes) und natürlich mit der Beherrschung einer geübten Shiatsu-Technik. Hiermit sind wir schon mitten im Feld der Meditation, des Zen. Im ZEN-SHIATSU-KONSTANZ möchte ich diesen Aspekt in Übung und Behandlungsanleitung noch klarer betonen und ausweiten!

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